31.03.2019

heute ein tag an dem ich alles schreiben könnte und gleichzeitig nichts, der fokus fehlte so vollkommen. verkaterte dünnhäutigkeit all over.

„die deutschen essen immer eis“ sagt p., wir laufen über den flohmarkt, ich bin wahnsinnig überfordert und orientierungslos, frage mich warum ich überhaupt das haus verlassen habe, man weiß ja mittlerweile ganz gut was an einem der frühen sonnigen sonntage des jahres auf einen einprasselt an menschenbildern. und dann auch noch über einen flohmarkt gehen, es grenzt eigentlich an selbstkasteiung, nur zu welchem zweck? dümmlich in die sonne blinzeln.

in der nacht wird mir nicht nur eine stunde zeit, sondern auch ein buch geklaut. das buch, was ich gerade lese und beim frühstück weiterlesen wollte. ich suche überall, finde dann einen zettel auf dem tisch, sie hofft es sei OKAY dass sie es mitgenommen hat, sie konnte nicht aufhören, ich stehe bestimmt zwei minuten nur so rum, starre auf den zettel und empfinde abneigung. wer macht denn sowas.

 

 

 

28.03 2019

das spannende an literaturveranstaltungen: sie sind das gegenteil jeder literaturwissenschaftlichen prämisse. der oder die autorIn ist nicht tot, er oder sie muss lebendig sein, muss performen, muss präsenter sein als das werk, muss geil twittern, muss irgendwas verkörpern, muss interessant sein und schlagfertig, witzig und entertainend. die werke sind am besten autobiografisch, oder zumindest autobiografisch durchsetzt. erst dann, denke ich, als sich bei der lesung gestern christoph daum an mir vorbei durch die reihe quetscht, scheint das ganze seine berechtigung zu haben. im saal riecht es abwechselnd nach fritteusenfett und schwefeligem atem, jemand hat hunger.

„in letzter zeit bin ich oft still“, sagt l. nach der lesung, wir beobachten das aus der location herauströpfelnde literaturpublikum, jetzt um eine signatur des autors reicher. „wenn jemand mit mir spricht, weiß ich einfach nicht was ich dazu sagen soll.“

26.03.2019

aus zeitvertreibsgründen laufe ich unweit der arbeit durch eine gegend dieser stadt in der ich noch nie war, frische luft, denke ich, das ist doch meistens ganz hilfreich.

nach etwa einem kilometer, der weg führt vom grüngürtel, der an dieser stelle nicht grün, sondern laut und befahren ist, weg, komme ich in etwas an, was man wohl wohngebiet nennt. menschen sehe ich nur in kombination mit ihren hunden, sie scheinen ausschließlich für ihre hunde zu existieren und rufen nach ihnen mit kindernamen, justus will nicht hören. justus. die atmosphäre in dieser gegend ist klinisch aber auf inkonsequent, alle treppenförmig gebauten häuser sind weiß, dazwischen eine straße gepflastert mit diesen platten, wie sie es eigentlich nur noch im osten gibt, hier und da liegt kinderspielzeug in vorgärten, alles wirkt wie eine mischung aus ard tatort und kaserne, wie ein versuch zu leben. ob die leute hier eher arm oder reich, alt oder jung, glücklich oder traurig sind, bleibt in der belanglosigkeit der merkwürdig charakterlosen gegend unklar.

schließlich komme ich in eine art parkanlage, die an das wohngebiet grenzt, vollkommen deplaziert steht dort ein rundes gebäude mit einer kuppel und einem brunnen in der mitte, an den seiten furchtbar hässliche plastiken von kindern. hunde würden eher passen, denke ich.

ach dem ersten weltkrieg sei das hier die mustergestaltung eines volksparks gewesen, lese ich gelangweilt auf einer infotafel, im ersten dann alles kaputt und wieder zusammengesetzt, der volkspark. dann gehe ich wieder, weil schon wieder ein hund kommt, an ihm dran seine besitzerin.

als ich später mit entsprechend trüber laune im konzertsaal sitze, der grundfarbton der frisuren um mich herum ist grauweiß, passiert etwas schönes. die musik, eine obonistin, die immer rosa anläuft beim spielen und ein streichquartett, spielen mich komplett aus der blässe des tages heraus und ich vergesse mich für eine in ihrer länge angenehme zeitspanne selbst.

25.03.2019

seit j. im eisladen um die ecke arbeitet erzählt sie mir immer unaufgefordert, wie viel geld sie gemacht haben. heute waren es 62€, gestern 1000€. alles wetterabhängig, sage ich, ich hasse mittelklasseleute, sagt j., wie immer verlaufen unserer konversationen unkohärent aber situationskomisch.

nach schleppendem weekend auf basis wiedergekehrter energie bleiben endlich wieder bilder hängen:

-regenbogen aus 17. etage

-während live radiosendung läuft im schaltraum auf einem bildschirm neben der fensterscheibe zum studio lautlos ntv, es geht vermutlich um fettiges essen und die risiken fettreicher ernährung, dynamischer schnitt, pommes, schnitt, ein großer klumpen gelbliche masse (es sah nach reinem fett aus) wird in eine fritteuse geschmissen, schnitt, menschen in patientenleibchen in einem fast food restaurant, sie essen absurd hoch gestapelte burger in der anwesenheit eines arztes, es sieht insgesamt alles widerlich aus, untermalt werden die bilder von mozart, um den geht es in der radiosendung

-bei hart aber fair geht es um klimaschutz, neben lanz und der umweltministerin ist ulf porschardt eingeladen und redet über seinen sportwagen: das auto, verbessert er die 23-jährige luisa neubauer, sei nicht postmodern, es sei modern

-das wetter, sagt claudia kleinert in ihrer abgeklärten, sicherheit vermittelnden art, bleibt noch eine weile richtig märz und es klingt, als wäre ein wetter was richtig märz ist, vollkommen selbstverständlich

22.03.2019

vorgestern kalendarischer frühlingsanfang, gestern vollmond, ich bin durchgehend müde und durchlässig für vieles, trotz des mantras, sich den vibe nicht nehmen zu lassen. außerdem intensive träume, vorgestern nacht hatte ich ein baby, gestern nacht ging es um butter, gedanklich insgesamt leicht abgekapselt von allem. es ist eine komische woche.

„alles existiert, alles verlangt zu existieren, und so fallen mitunter stark gefühlsmäßig aufgeladene situationen zusammen, und ein schicksal nimmt seinen lauf“ denkt der protagonist in serotonin, ich lese den satz heute morgen zum kaffee und denke sehr simpel: ja.

 

 

 

19.03.2019

du machst eine dinnerparty und du kannst sieben leute einladen, wen du willst, auch leute die tot sind. wen lädst du ein, fragt mich j. gestern mit nach wie vor süßem akzent. ich sage erst nichts, weil häufig stellt sie mir fragen um sie dann selbst zu beantworten (sie: wie findest du bonn? ich: ja naj- sie: ich liebe bonn), ich finde das stimmungsabhängig lustig oder wahnsinnig nervig. weil sie ausnahmsweise wirklich eine antwort von mir erwartet sage ich dass ich bedenkzeit brauche und finde das alles bisschen blöd, heute fragt sie wieder, es scheint ihr ernst zu sein, ich habe jetzt drüber nachgedacht:

angela merkel, meinen opa mütterlicherseits, hildegard knef, jürgen klopp und noch drei freunde damit es nicht so awkward wird weil sich keiner kennt.

ich gehe jetzt morgens immer an einem café vorbei in das ich sonst nie gehe weil es so ultrahip ist und es dort kaffeezubereitungen gibt die mir nichts sagen, außerdem sind die besitzer blasierte bärtige kaffeekenner. aber jetzt gucke ich immer in das fenster und ein paar leute gucken hoch von ihrem laptop oder büchern und es sieht so gemütlich aus, ich freu mich schon drauf wieder zeit zu haben, dann werde ich mich zu ihnen setzen, eine kunstvolle kaffeezubereitung trinken, an meinen „projekten“ arbeiten und leute die am café vorbeirennen um ihre festanstellung beneiden.

18.03.2019

DEN VIBE VERTEIDIGEN, darum gehts, sagt C. wir trinken mehrere liter salbeitee dabei und hinter uns liegt ein montag, der endlich wieder sonnenlicht zu bieten hatte und auf angenehme weise müde gemacht hat. manchmal ist es easy.

17.03.2019: gedicht „björn“

du warst niemals
radikal
jetzt bist du
beim kulturjournal

hier kannst du
labern lesen loben
im sakko
filz am ellenbogen

wen das erreicht
das fragst du dich
nur manchmal
heimlich
& es sticht

denn björn ahnt
& das ist krass
kulturjournal
ist klassenhass

16.03.2019: seen

ich tauche aus diesem see der nostalgie diese woche immer nur kurz auf, kopf noch halb unter wasser, alles schwappt in wellenförmigem gleichmut dahin. zwischendurch das gefühl, mir selbst beim zusammenkehren der letzten reste vermeintlich unbeschwerter jugend zuzusehen, viele gedankenspiralen winden sich ums älterwerden. es ist wahrscheinlich so: erste male werden rar und irgendwann sterben sie ganz aus, die intensität des erlebens verliert leuchtkraft, glimmt noch ein bisschen vor sich hin und erlischt irgendwann, das ist es dann. ich finde die vorstellung beruhigend und furchtbar gleichzeitig.

vielleicht aus dieser stimmung heraus am freitagnachmittag auf nachhauseweg den plötzlichen impuls gehabt spanish sahara von foals zu hören, seit jahren, instant gänsehaut, es ist eigentlich wahnsinn wie sich diese bestimmte anordnungen akustischer elemente irgendwo reinbohrt und immense feelings triggert, man muss dafür bereit sein. bei spanish sahara ist es portugal mit f., spaghetti mit erdnusssoße, wir fahren moped durch hinterland der algarve und alles ist so weit und offen, zukunft eigentlich nur ein begriff. irgendwann kommen wir an einen see und sagen in meiner erinnerung lange nichts und gucken nur, glücklicherweise machen wir ein sentimentales foto für facebook (lol).

als ich heute gezwungen durch einkauf das haus verlasse wirkt alles wie eine einzige depression, das licht ist farblos, die straßen unnatürlich leer für einen samstag, es ist als hätte einfach niemand lust, den öffentlichen raum zu füllen, oder es war fußball vielleicht. forget the horror here/ leave it all down here/ it’s future rust and it’s future dust singen foals

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14.03.2019

„paris war wie alle städte gemacht, um einsamkeit zu erzeugen“ schreibt houellebecq in serotonin, an den satz muss ich denken als ich heute morgen aus dem bus heraus eine junge frau beobachte, kapuze mit fellapplikation bis zu ihren zeitaufwendig gestylten augenbrauen tief ins ausdruckslose gesicht gezogen, an der haltestelle den kopf an die glasscheibe gelehnt und zigarettenrauch ausatmend, so als würde sie versuchen alles auszuatmen, was an diesem tag noch auf sie zukommt, der rauch hüllte ihren kopf noch eine weile ein, dann fuhr mein bus weiter.

es ist ein wiederkehrender gedanke, den ich habe, dass es die stadt, diese und jede andere, auf dauer nicht sein kann, sie multipliziert alles auf unnatürliche art und weise, die schönen und die traurigen tage und sie ist immer zu viel da.

ein mann mit einem gesicht, bei dem man sich nicht mehr vorstellen kann, wie es mal als kind aussah, hat mir heute über mehrere minuten hinweg monologisch erklärt, warum gendergerechte sprache den mann benachteiligen würde, überhaupt, warum die diskussion, wenn jemand „die menschheit“ sagen würde, würde er sich schließlich auch angesprochen fühlen.

„die gesellschaft ist eine maschine zur zerstörung der liebe“ lässt houellebecq seine figur im selben kapitel denken. ansonsten war es ein nasser tag mit trockenem humor und zukunftsträchtigen momenten.

11.03.2019

gestern mit p. über kindheit geredet und über kindergartenzeit. deswegen heute noch ein paar mal an meine kindergartenzeit gedacht, die von rindenmulchbergen, alten bauwagen und knäckebrot mit erdbeermarmelade, vor allem aber von den wiesenpiss-geschichten geprägt war, die ich mir mit p. und p. erzählt habe.

wir haben diese figur – wiesenpiss – erfunden, oft in einer ecke gesessen und uns geschichten ausgedacht, die immer mit demselben satz begannen: morgens halb sechs, der wecker klingelt. frau (ich hab leider ihren namen vergessen und muss p. fragen, die es bestimmt noch weiß, ich glaube müller?) haute mit dem wecker auf die scheiße.

frühkindlicher fäkalhumor, ich habe gestern schon zu p. (der ein anderer als der kindergarten-p. ist) gesagt, dass es eine lebensphase war, die ich ohne dumpfe nebengefühle als glücklich beschreiben würde und ich mir gut vorstellen könnte, dass es die glücklichste bleibt.

es ist ein bisschen pathosklebrig, aber auch roger willemsen hat mal gesagt: kann sein, dass es sich schon um der kindheit willen lohnt zu leben.

10.03.2019

neuigkeiten: der wind hat einen pinken und einen grauen flipflop auf die terrasse geweht. starker wind heute, meterologisch von links, gesellschaftlich von rechts, es bläst so richtig stressig in den ohren, orkanartiges sturmtief auf allen ebenen.

die terrasse ist gebaut in eine straße eine stadt ein land einen kontinent eine welt, die insgesamt relativ nah am abgrund zu stehen scheint, aber das sind keine neuigkeiten. die flipflops wurden reingeweht in meine kleine welt, deswegen sind sie neuigkeiten.

neuigkeiten

 

09.03.2019: heartwarming

gefühlte ewigkeit (ca 1 woche) nicht so entspannt und zufrieden gewesen wie heute, ich hab mich ehrlich auf diesen samstag gefreut an dem ich irgendwann aufwache (11:40 uhr) und mich leicht verkatert nach 4,5 stunden schlaf in den glücklicherweise verregneten tag gleiten lasse.

der abend gestern war trotz holprigem start am ende so rund und frisch und gut, dass ich auf einer kleinen welle der euphorie kaffee getrunken hab und mit der welt im reinen war. die gut gefüllte tanzfläche hat bis zum ende getanzt und man könnte an dieser stelle festhalten dass es eine party war.

a bit late to the party zwar, aber doch noch ein paar worte zum weltfrauentag gestern: ich bin komischerweise ein bisschen erleichtert dass er jetzt vorüber ist, der tag war irgendwie so aufgeladen mit meinungen, kampf und fehlinterpretation, als ich morgens die kulturinstitution betrete drückt mir ein freundlicher mann valentinstagstyle eine rose in die hand.

stattdessen also privilegiert und empowered zurückgelehnt und bewusst nicht reagiert, als dann abends vor der bar ein bekannter meinte man müsse das alles (weltfrauentag) ja nicht so ernst nehmen. ich sage dauernd was, das ganze jahr über und ich hab mir, ein bisschen müde wie ich davon bin, in der situation die freiheit genommen nicht zu sagen, dass er als letzter zu entscheiden hat, für wen da was wie ernst zu nehmen ist, auch weil ich kurz zuvor schon in eine anstrengende, weil 0 (in worten: null) zielführende diskussion verstrickt war und ich insgesamt gestresst war von all den leuten. die sensibilität für dieses und andere themen, die soziale netzwerke simulieren, ist in real life eben einfach nicht vorhanden, ich vergesse das immer wieder. gefährliche filterblasen.

passend dazu sieht man auf dem bild unten wie ich mich in solchen situationen im innern fühle oder wie wenn mich jemand sprachlich mitmeint, wie es der verein deutscher sprache (hape kerkeling ist da kürzlich beigetreten) gendersternchenkritisch als ausreichend erachtet (nur dieser verein erachtet vermutlich überhaupt noch irgendwas, ich rieche den muffigen kaffeeatem der mitglieder – ausschließlich alte weiße männer, na klar – während sie irgendwas erachten bis hier).

(P.S.: es ist heartwarming, dass hier wirklich leute mitlesen und ich dann besorgte nachrichten bekomme wenn zwei tage nichts passiert. wenn ihr lacht gehen drei sonnen auf)

Unbenannt

06.03.2019

es ist spannend wie einem nine-to-five die kreativität wegstrukturiert.

auf dem breitmaschigen möglichkeitsteppich des sechsten märz zweitausendneunzehn sind daher grundlegend zwei dinge passiert, die man als schön und im weitesten sinne erwähnenswert festhalten kann:
1. über nacht sind ein paar knospen aufgegangen und es roch an manchen stellen der wirklich unsexy bonner straße (ich hab es heute wieder gedacht, kurz hinterm gürtel richtung süden, es ist so ultra hässlich dort, eigentlich ein wunder dass sich in diesem straßenabschnitt überhaupt menschen aufhalten, sie wohnen teilweise sogar da; dabei ist diese umgebung so menschenfeindlich, alles schreit: sofort wegrennen) das erste mal wirklich nach real frühling.
2. ich besitze jetzt endlich die céline gillaine – bad woman platte, die ich am frühen abend aus dem plattenladen abhole und nach wie vor für eine der besten aus 2018 halte. auf ihr höre ich auch den besten satz des tages: „instead of saving money – save me“

05.03.2018

seit zwei tagen sitze ich tagsüber in kulturdeutschland. ich glaube es ist ca so wie beamtendeutschland nur die leute sind insgesamt prätentiöser und tragen tweetjackets (männer) oder lange, funktionsfreie seidenschals (frauen).
bisher ist es sehr höflich und gleichzeitig so versteift institutionell dass ich alle mal so durchkneten will.

nach feierabend (dieses wort ist furchtbar, es klingt nach kaffeeküche, tassen mit pfiffigen sprüchen und 40 stunden woche in der man behutsam eingeht und einen mausarm bekommt, es ist eierschalenfarbend und ich bin mir fast sicher dass es in dieser form nur auf deutsch existiert) mit p. getroffen dem ich jetzt auch in reallife respekt für seine wochenendaktion aussprechen konnte: als er samstag ins karnevalsverkaterte köln kam, ist er fast auf dem absatz wieder umgedreht und ist sonntag wieder zurück nach paris, wo er bis montag geblieben ist, weil er es so furchtbar fand hier.

ein paar vereinzelte marienkäfer laufen an unserer bank vorbei, eine hummel und ein paar piraten. ich gähne nicht das erste mal heute