18.09.2019: identität und struktur

ab 15 uhr ändert sich das licht. ich sitze in der galerie (ein weiß gefließter raum in dem aktuell kleine pappschachteln mit unterschiedlichen mustern innendrin an der wand hängend ausgestellt werden), die ich beaufsichtige und esse aus langeweile eine möhre, das knackende kauen hallt im sonst sehr leeren raum so unangenehm laut nach, dass ich mich vor die tür stelle. im gegenüberliegenden schaufenster blitzt es sonnig, auf meiner straßenseite ist es schattig und kalt, schal tragen ist längst wieder normal geworden. dann laufen zwei mädchen vorbei, stark pubertierend und auf dem weg in die stadt, die eine fragt „sieht das noch aus“ und meint irgendwas an ihrem pulli, die andere bleibt stehen, guckt sie an und zieht mit einem finger ihre hose seitlich an der gürtellasche hoch, so typisch, und sagt bestimmend „hä voll schön???“. ich muss glaube ich lächeln und daran denken wie es war mit freundinnen in die stadt zu gehen und dann dass ich nie wieder stark pubertierend in die stadt gehen werde um billige klamotten oder ungesundes essen zu konsumieren um in hormonell verwirrten phasen kurzweiligen sinn und identität zu kaufen und wie ok das ist.

vor ein paar tagen erzählt mir jemand, dass sich unsere generation in ihrem selbstverwirklichungsfilm so lange um sich selbst dreht, bis sie kinder bekommt. die person ist ein paar jahre älter, so anfang dreißig und frisch getrennt. in ihrem freundeskreis (kinderlos) würden sich nämlich alle immernoch um sich selbst drehen und dabei langsam verrückt werden.

ich schaue den beiden mädchen nach und frage mich ob man das mit der identitätssuche überhaupt je abschließt oder ob man nicht einfach gleichmütiger bzw. alles andere einfach egaler wird oder man eben kinder bekommt. dann kommt eine frau und will rein, ich kaue immernoch die möhre, „oh, schön, strukturen“, sagt sie und bleibt auf den weißen fliesen mit der nase ganz nah an den pappschachteln stehen. „strukturen sind gut.“

 

06.09.2019: die neue melancholie

als hätten sie sich verabredet setzt zeitgleich mit september auf allen ebenen der herbst ein und es ist wieder möglich normal zu denken. im gegensatz zu früheren jahreszeitenwechseln fällt mir auf, dass ich nicht mehr melancholisch sein will, ich finde melancholie mittlerweile nur noch unangenehm; so ein deutsches, mit bedeutung aufgeladenes gefühlsding, nachdenklich sein im sepiafilter. ein exfreund hat mal zu mir gesagt ich sei melancholisch weil ich mich nicht mit dem gegenwärtigen moment auseinandersetzen will, damals habe ich relativ vehement behauptet dass das überhaupt nicht stimme und mich angegriffen gefühlt, es war beim frühstück, eigentlich wusste ich dass er recht hat.

nach einem vergleichsweise schönen august vor worddokumenten oder im garten bin ich unerwartet gerne zurück in köln und mache und gucke und seufze auch heimlich, freue mich auf gemütlichkeit, kaufe auflaufformen, aber immer wenn es melancholisch werden könnte passiert irgendwas, weil irgendwas ist immer, termineterminetermine, aber darüber solllte man sich nicht beschweren, beschweren ist out. stattdessen redet man mit freund*innen darüber wer denn eigentlich privilegierter ist und zelebriert dankbarkeit in fast evangelischem habitus, alle sind jetzt immer dankbar über ihr geiles großstädtisches leben in überteuerten altbauwohnungen, vielleicht ist dankbarkeit das neue deutsche gefühl, die neue melancholie.

 

21.08.2019

habe sartre – der ekel angefangen, eine fiktive tagebucherzählung. im zweiten eintrag wird beschrieben wie der protagonist (ein einsamer historiker, na klar) angst davor hat, einen papierfetzen aufzuheben. bisher hatte er immer gerne papierfetzen aufgehoben. es ist ein sehr schöner eintrag über die angst vorm aufheben von papierfetzen und das papierfetzen-aufheben im allgemeinen. mehr kann ich noch nicht sagen.

ansonsten scheint der sommer müde, die luft macht lust auf herbst. ich selbst sitze in unterschiedlichen intervallen und wechselnden tages- und nachtzeiten mehr oder weniger müde mehr oder weniger verzweifelt vor diversen worddokumenten, bin froh dass ich nicht in der stadtstadt bin, jogge zufrieden durch den wald der vorstadt, der den beginnenden transitzustand der jahreszeiten unbeeindruckt zur kenntnis nimmt oder liege mit blick auf sonnenblumen in der hängematte.

ein schon älterer gedanke poppt dabei immer wieder auf: sonnenblumen sind blumen, die aussehen, als würden sie sich nicht so viele gedanken machen.

08.08.2019: ruhrgebiet

heute einen text von bonnie a. nardi – why we blog gelesen. so wie fast alles was ich bisher an wissenschaftlichen texten über narrative genres im internet gefunden habe klingt auch der irgendwie altbacken. insgesamt spannt sich über dieses ganze blog schreiben ding so ein feiner narzissmusfilm in retrolook; individualismus auserzählt, das eigene kleine leben narrativ kohärent wirken lassen, ich finde das gerade alles mal wieder komplett schwachsinnig.

bei langen abendspaziergängen durch den sommerfarbenen, ehemals von zeche geprägten vorort strahlen die hausfassaden die während des tages angesammelte wärme ab;

ich streife im sonnenuntergang mit den angenehm distanzierten gefühlen einer touristin an trashig-süßen schaufenstern und hässlichen vorgärten vorbei über die noch nicht eröffnete kirmes, auf der ich früher gebrannte mandeln gekauft oder plüschtiere gewonnen habe und finde es so mystisch, dass ich wahrscheinlich filmreif vorm menschenleeren autoscooter stehen bleibe, natürlich der autoscooter, irgendwo zwischen warmer nostalgie und absoluter befremdlichkeit bleibe ich da kleben. der osten des westens, so nennt jemand heute auf twitter das ruhrgebiet, der schwan baumelt fast reglos am kettenkarussell.

02.08.2019

das beste daran dass C. weg ist, ist, dass er wieder tagebuch schreibt und dass ich jetzt in seiner wohnung sein kann.

kaum bin ich hier, komme ich komplett zur ruhe, innerlich und äußerlich, es ist wie urlaub ein paar straßen weiter. außerdem gibt es im gegensatz zu meiner wohnung hier vor allem eins: viel licht. ich schlafe gut, schreibe viel, denke über ein leben ohne internet nach und schaue seichte, skandinavisch produzierte netflixserien. gegenüber ist ein balkon auf dem morgens immer eine frau raucht, sie sieht dabei traurig und cool aus.

30.07.2019

ich lese zum kaffee in das tagebuch von R. rein, er hat es mir gestern beim fußball gegeben, es macht lust auf hier wieder was reinschreiben und auf türkisches essen. er war ein jahr in istanbul für ich glaube ein künstlerstipendium und hat es währenddessen geschrieben, ich bin beeindruckt, weil er wirklich jeden tag was geschrieben hat.

mir fehlt gerade so ein gefühl bezüglich einer grundstimmung, klassische inspirationssommerloch: “entgegen seiner gängigen rezeptvorschläge ist der sommer alles andere als das: leicht. er ist schwer und bleiern, satt und unbeweglich, träge und triefend. staubiger stillstand im grüngerahmten, kurzbehosten großstadtbetrieb.“, das twittere ich ca vor einem jahr und es ist auf dieses und wahrscheinlich auch die nächsten jahre anwendbar, nur vielleicht nicht mehr so grün, eher vertrocknet.

es ist also urlaubszeit, die stadt einigermaßen angenehm leer, dafür die instastories poolblau gefärbt. hier macht die hitze pause und ich kriege gestern auf dem heimweg beim fahrradfahren dann doch so eine leichtigkeit im bauch weil alles so strahlt und klare luft, der rhein sieht tiefblau gesund aus, ich will davon im fahren ein video machen, eine mir entgegenkommende fahrradfahrerin schaut mich dafür abstrafend an, ich finde sie hat recht. gestern verabschiede ich C., der jetzt im zug nach berlin sitzt und bis februar weg ist, ich bin auch in ein paar tagen raus hier, zumindest ein paar wochen, vielleicht erklärt das die gute stimmung.

am 12.11.2011 hat R. schon wieder baklava und tee zu sich genommen, allerdings steht J. dann auf und reißt mich raus aus istanbul; der toilettendeckel knallt an den spülkasten und wieder zurück, ich frage mich zum vierstelligsten mal wie jemand so laut sein kann und lächel auch bisschen weil ich weiß dass es die letzten tage sind und ich sie wahrscheinlich trotzdem irgendwie vermissen werde

19.07.2019

vorgestern sind wir ca wieder 3 stunden in berlin und es reicht zumindest für I., um fast alles an innerer ruhe was man in drei tagen urlaub in einer yurte in der uckermark ansammelt, aufzubrauchen. ein bisschen wie ein kaputter akku der jetzt wieder nur noch 4% hat. auf dem hinweg hatten wir schiss weil die einzigen wahlplakate die hingen natürlich afd waren. aber davon haben wir sonst nichts bemerkt, der vermieter war jedenfalls nicht afd. er führt uns auf sein schönes gelände mit bäumen und einem see und diversen tieren und eben der yurte von der man direkt auf eine pferdekoppel geguckt hat. eigentlich haben wir das die meiste zeit gemacht: auf die pferdekoppel geguckt. einer von den wallachen hat immer seinen kopf gegen irgendwas gehauen, sehr brutal. man nennt das koppen, wir haben gegooglet, er macht das weil ihm langweilig ist. ich hatte das erste mal seit ich denken kann empathische gefühle für pferde. außerdem haben wir noch lagerfeuer gemacht und stockbrot geröstet und dabei zufällig die mondfinsternis gesehen, das klingt megaromantisch und das war es auch.

auch das festival davor war schön, wenn es eine farbe wäre wäre es lilablau, es war so ein paar berliner wo ihre jugendjugend schon hinter sich haben fahren ein wochenende raus und leben ihre verbliebene extravaganz ein bisschen aus; das klingt aber schlimmer als es war, weil es alles berliner waren wurde viel geguckt aber wenig gesprochen, abgesehen von der gruppe rede ich glaube ich nur mit einem druffen amsterdamer  und seiner frau (ebenfalls stark kaugummi kauend) die sagt dass sie ein neun monate altes baby haben und es seit dem ihr erstes mal ist als paar dass sie wieder rausgehen. ich nicke nur und sage hauptsächlich wow amazing enjoy weil ich danach spiele, ich glaube es ist am zweiten tag, da schickt das festival so feuerartisten auf den floor. es ist ein bisschen lustig, also die situation, aber dadurch war der floor so richtig gefüllt das erste und einzige mal und die leute bleiben auch nachdem die halbnackten männer mit ihren feuerbällen wieder weg sind und feiern die musik extrem so als wäre ihnen gerade etwas erschienen.

gestern fahre ich zurück nach köln und habe keine richtigen gedanken dazu.

07.07.2019: umlandhype

C. und M. leite ich direkt das foto des aktuellen zeit covers weiter, wir haben gerade noch drüber gesprochen, familie, aber anders, es geht darum, dass leute heutzutage lieber in lebensgemeinschaften wohnen wollen als klassisch vater-mutter-kind und es ist wohl so, nicht nur C. und M. wollen das, sondern auch I. und L. und meine Cousine und N. sucht für sich und ihre freunde schon ein haus, das erzählt zumindest K. am freitag, das ganze alphabet der filterbubble redet davon, möchte leben mit anderen netten leuten, vielleicht sogar bisschen außerhalb großstädtischer zwänge, zumindest solange das internet schnell genug ist; man muss sich wahrscheinlich beeilen, umlandhype.

der zeitgeist will weg vom stress und raus aus der einsamkeit, keine kommune 1 sondern community 5G, lieber kartoffeln anbauen in brandenburg als nebenkostennachzahlung im heizintensiven, lächerlich teuren minialtbau in zentraler lage irgendeines austauschbaren hippen viertels irgendeiner großstadt. und so romantisch verklärt es auch klingt, ich fühle den zeitgeist.

lass zusammen lesen, das antwortet C. auf meine fotonachricht.

27.06.2019: mangelhafte gegenwart

im gegenwärtigen diskurs über die zeit besteht konsens über das unaufhaltsame verschwinden der zukunft als erwartungs- und orientierungshorizont für menschliches handeln, sagt helga nowotny 1989. als ich den satz lese muss ich an die e-scooter denken die jetzt auch in deutschen großstädten angekommen sind, sie fahren rum überall, lautlos, auf ihnen immer irgendwie abwesend wirkende menschen. dazu hitzerekorde, klimawandel zum mitächzen, gehirne flüssig, oberkörper frei, leute tragen jetzt diese hässlichen kabellosen kopfhörer als wäre es das normalste der welt, niemand redet über frauen fußball wm.
es scheint wirklich so, als wären wir schon längst in der zukunft angekommen, die natürlich furchtbar ist, dystopie. die gegenwart lässt nur noch ganz kurz getaktete zeitstrategien bzw. zeitprogramme zu, die nicht mehr den anspruch haben, die mangelhafte gegenwart in eine bessere zukunft zu überführen, das sagt nowotny weiter. mit C. spreche ich darüber wo wir uns in fünf jahren sehen, wir liegen im freibad, es riecht naturgemäß nach pommes und chlor, kinder schreien mama, wir haben beide keine richtige antwort. alle würden ja gerade die dystopie herbei schreiben, alles sei apokalyptisch, er würde sich ein bisschen hoffnung wünschen, sagt jemand ein paar tage zuvor in bezug auf sibylle bergs GRM, es ist vor dem marie davidson konzert. außerdem habe sie bei black mirror abgeguckt. ich frage mich ob man dystopie abgucken kann? das konzert ist dann irgendwie dystopie und utopie gleichzeitig.

im freibad sind wir mit vielen tattoos konfrontiert, er sei froh, dass er sich vor ein paar jahren kein limp bizkit tattoo habe stechen lassen, sagt C., so auf den unterarm. die tage sehe ich eine omi auf einem der e-scooter, sie sah superhappy aus. es gibt doch immer noch irgendwie hoffnung.

die großen teleologischen geschichtsentwürfe des 19. jahrhunderts scheinen den kleinen utopien gewichen zu sein, so heißt es weiter im text. private sehnsucht statt weltverbesserung, abfinden mit der absurdität, einfach raus hier, denke ich, weg von den e-scootern, weg aus der stehenden stadthitze und weg von den überfüllten scheißseen, in ein tiny house ziehen in portugal, oder meinetwegen in ein auto; neoliberales, überpriviligiertes aussteigertum bestimmt gerade meinen youtube-algorithmus. auch mein gehirn ist megaflüssig, besseres leben als schrumpfform, ein wort wie 1 rosine.

21.06.2019

hier soll ich meine geschichte erzählen sagt die wordpress app, es klingt megaepisch, ich schaue auf diese wörter überdurchschnittlich lange während ich in diesem café sitze und die szenerie auf mich einwirken lasse und mich frage welche geschichte ich denn bloß erzählen könnte. es ist eine angenehme atmosphäre hier, allgemein im viertel aber auch speziell hier, vielleicht liegt es am brückentag? unweit von meinem tisch säubert eine frau ein cambio auto, ich werde in regelmäßigen abständen von diesem spezifisch frischen geruch von dem autosäuberungsmittel umhüllt. es ist allgemein ein wetter wo sich menschen damit beschäftigen ihre fahrzeuge zu säubern oder blumen umzutopfen. hinter mir sitzen ein älterer mann und eine frau und essen, es ist so späte mittagszeit. ihr gespräch klingt wie ein selbstgespräch von dem mann weil er so ein lautes kölsches organ hat und sie so flüstert. er sagt ich finde wir sollten jetzt jeden tag essen gehen aber als feststellung, sie erwidert glaube ich nichts. keine ahnung ob es ein paar war oder geschwister?? im weiteren verlauf kommen immer mehr junge schöne menschen hier hin aber sie sind jung und schön auf unaufdringliche art. ich lese etwas zu latenzen in gegenwartsliteratur und muss gähnen, aber eher weil alles angenehm einlullend ist und nicht aus müdigkeit. ok vielleicht bisschen auch aus müdigkeit. hinter mir die beiden sind mittlerweile gegangen, dort sitzen jetzt junge schöne leute und reden über ihr studium, es klingt etwas inszeniert, mir gegenüber ist das auto gereinigt, eine frau sitzt jetzt dort und raucht gestopfte zigaretten die sie in einer kleinen tuppadose mitgebracht hat. ich sitze am größten tisch und als ein mann kommt und fragt ist hier noch frei bei dir werde ich aus dieser geschichte hier ruckartig rausgerissen und antworte etwas zu laut ja

17.06.2019: sommer

es ist alles gesagt über den sommer. es ist erst sein anfang und die gehirne sind jetzt schon weich geköchelt, kölner schwülluft macht denken und beine schwer und man kann auch nicht kreativ sein, weil alles so uninspirierend ist wenn es heiß ist. es erzeugt einen stillstand, aus dem man wegfahren sollte, vielleicht ans meer, da ist stillstand ok. man sollte wenig bis nichts tun, nur vielleicht an einem schönen ort außerhalb deutschland und nicht in einer stadt, städte machen so fertig im sommer.
über die negativen aspekte der jahreszeit haben sich aber alle irgendwie auch schon genug ausgelassen, ich inklusive; flirrende asphaltwüste, der sommer als ein einziges nostalgisches narrativ, summertimesadness, sommmerloch, blablabla.

man sollte sich wahrscheinlich einfach in sie hineinfallen lassen, diese irgendwie dümmliche jahreszeit, die in deutschland immer eventcharakter haben wird, hitzefrei, karrierte kurzarmhemden, eis essen.
J. kommt gestern von der arbeit im eisladen nach hause, vollkommen entkräftet sagt sie mit ihrem süßen akzent die deutschen lieben eis und yeezys, dann verschwindet sie in ihrem zimmer für den rest des abends. es ist alles gesagt über den sommmer.

11.06.2019: städtetrips

über städte schreiben ist einfach und gewinnbringend: große bis mittelgroße ballungsräume bieten die ideale projektionsfläche für die eigenen befindlichkeiten, man kann innerhalb ihrer beschreibungen, beweihräucherungen oder beschimpfungen sehr gut an tieferliegendem vorbeischreiben. nicht nur in der literatur passiert das daher häufig, allgemein gilt es als individueller ausdruck der ganz eigenen persönlichkeit in welcher stadt man lebt, in welcher man schon war, welche man liebt, welche man gar nicht mag, in welche man unbedingt mal will. der wahrscheinlich klassischste ausdruck spätkapitalistischer sinnsuche ist der städtetrip, ein wochenende „rauskommen“ und sehen, dass es woanders auch asphalt gibt und menschen und getümmel und autos, nur vielleicht anders angeordnet, die architektur, später erzählt man dann etwas von der atmosphäre der stadt, wenn man es sehr unangenehm formulieren möchte erwähnt man den vibe.

der vibe in zürich ist zurückhaltend, entspannt und reich. es gibt überall absurd klares, frisches wasser in form von flüssen, einem see, kleinen bächen oder trinkbrunnen. dazu ist auch die luft klar, was sinn macht, weil die hintergrundkulisse der szenerie aus den ausläufern der alpen besteht, man sieht die schneebedeckten bergwipfel aus der innenstadt heraus und atmet tief ein, dabei denkt man daran dass man jetzt ganz schnell reich werden sollte um hier her zu ziehen, in diese saubere gated community, verriegelt vor sozialen missständen. vor unschönem bewahrt also, desillusion ausgeschlossen, läuft man durch enge gassen der im besten sinne pittoresken, dorfähnlichen altstadt, auch an einem feiertag ist es hier nicht zu voll, alle lassen sich in ruhe. ruhe selbst an der limmat an einem strahlenden sommersamstag, der eintritt zum öffentlichen schwimmbad war frei, man kann sich ein buch aus dem buchschrank nehmen oder sich durch das eiskalte wasser treiben lassen und an garnichts denken, alle sind jung oder junggeblieben und wirken zufrieden. allerdings ein bisschen denken sollte man schon, das sagt einem die stadt auch, weil sie beschließt ihre existenz nicht in ignorantem reichtum, sie wirkt trotz ihrer privilegiertheit wach und politisch, man sieht neben pastellfarbenen polohemden und durch personal training geformten körpern auch leute, die lieb aussehen und die man abends wiedersieht auf linksalternativen festivals, an jeder ecke kleben plakate die zum frauenstreik aufrufen am 14.6.

02.06.2019

schöne badestellen in köln sind rar, so wie vieles in köln rar ist, gerade im sommer, der gestern ausbricht. ab 25 grad verändert sich die stadtatmosphäre: asphaltprärie, flirrende luft, in der die leute unschlüssig rumwabern und aus lauter unschlüssigkeit dauernd eis essen und grillen im park, stimmengewaber, rauchschwaden, rückeneincremen, wasser in den beinen.
es ist schön, weil es so die dringlichkeit rausnimmt, aber auch schwierig, wegen des stillstands, sowas sage ich zu L., als wir an einer der wenigen schönen badestellen liegen, als wäre das eine neue erkenntnis. eigentlich denke ich das so wie vieles schon seit jahren und hab mir deshalb vorgenommen, diesen sommer wenig zu denken.

bewegungsdrang (auch ein sommereffekt), eine radikalisierung meiner abneigung gegenüber autos und mehrfach unnötig verpacktem essen (ich hasse beides mittlerweile wirklich mit inbrunst), zersetzung der spd, der grüngürtel ein grüner fluss in dem menschen in der hitze schwimmen, viele menschen. schöne badestellen in köln sind rar.

30.05.2019

wir wollen eigentlich zu nobiko gehen, aber dann haben wir beide keinen hunger und trinken ein bier bei M. in der wg-küche, die zu großen teilen aus leergut besteht. ich fühle mich auf subtile weise alt, also nicht so richtig, aber ich denke dass es nicht mehr lange dauert bis ich mich in solchen wg-küchen alt fühlen werde.
es ist feiertag, ein donnerstag mit sonntagsallüren, wattige, graue wolken verkleben den himmel, nehmen ihm seine weite, die stimmung ist niedergeschlagen: „an so einem tag kann man sich garnicht gut fühlen“, sagt M. und deutet durch das schmutzige oberlicht des küchenfensters dahin, wo sie die wolken vermutet. ich finde das erst bisschen platt, also schlechtes wetter gleich schlechte laune, aber heute ist es wohl einfach so, der tag lässt in seiner ganzen machart keinen raum für positivität, ich stimme zu, draußen besaufen sich männergruppen.

im anschluss laufen wir noch ein bisschen durch kalk und reden, irgendwann kommt die sonne raus, als wir uns verabschieden sagen wir beide dass es uns besser geht als vorher und meinen es. auf dem nachhauseweg riecht es an überdurchschnittlich vielen stellen der in flieder-blau-oranges abendlicht getauchten stadt nach nudelgerichten mit tomatensauce, zum schluss kämpft sich der tag nochmal raus aus seiner lethargischen mattheit, sowas denke ich und laufe ein paar extrarunden weil ich so lust habe auf laufen und musik.

28.05.2019

friseurbesuch: 30€

brita wasserfilter: 16,99€

staubsaugerbeutel compact (4): 10,99€

glühbirne led „warm glow“: 7,99€

diverse einkäufe: 10€

ein schönes wochenende: finanziert den investitionsreichen wochenstart.

draußen fallen die blätter von den ahornbäumen als wäre herbst, sie sind immernoch lädiert vom letzen sommer, abgepellte, nackte stämme.

parallel dazu spielen wir die erste runde tischtennis des jahres.