09.11.2019: ok boomer

ein meme ist dann funny, wenn es ein allumfassendes gefühl, einen zeitgeist, eine haltung auf den punkt bringen und kanalisieren kann. wenn es für die über jahre als millennials abgestraften, missverstandenen und mit der bezeichnung vor allen dingen ihrer auf diversen social media kanälen ausperformten individualität beraubten generation einen sleeken kommentar liefert, den sie als revanche unter all die lächerlichen, grammatikalisch korrekten und altbacken formulierten meinungen der bis ca 1964 geborenen und sich hauptsächlich auf facebook oder in den kommentarspalten der onlineartikel überregionaler zeitungen tummelnden schreiben können.

wenn es die kollektive erschöpfung derer artikuliert, die sich eigentlich nur noch auf twitter und – wenn schon im real life – dann höchstens noch innerhalb ihrer eigenen superwoken peergroup verständigen können, ohne jedes dritte wort erklären zu müssen. wenn es die 25-jährige abgeordnete chlöe swarbrick im neuseeländischen parlament nutzt, um einen alten mann daran zu hindern, ihr ins wort zu fallen. wenn es endlich die chance für reibung bietet, die gut ausgebildete mittelschichtskinder ihr ganzes bisheriges leben vergeblich in ihrem sie in allem unterstützenden elternhaus gesucht haben. dann ist es funny.

es ist weniger funny, wenn man wirklich über die tiefe, bis oben hin mit unterschiedlichen denk- und lebensweisen angefüllte kluft nachdenkt, die zwischen denjenigen gähnt, die jetzt gerade auf tik tok sind und denjenigen, die immernoch „eine whatsapp“ sagen. wenn stringente erwerbsbiographien, rente mit 60 oder ein eigenheim in der vorstadt dinge sind, die für boomer erstrebenswerte lebenssäulen, für die junge generation jedoch im seltensten fall infrage kommen, weil sich ihre lebensplanung aus einer ausgedehnten selbstverwirklichungsphase, einigen prekären jobs, digitalem nomadentum, und/oder – wegen unbezahlbarer immobilienpreise – einem tiny house in portugal zusammenimaginiert wird. wenn man darüber nachdenkt, dass „ok boomer“ als cooles distinktionsmerkmal verwendet wird, ohne von der anderen seite überhaupt als solches verstanden zu werden:

(-du: „ok boomer.“

-boomer: „wer ist ein buhmann?“)

obwohl es doch eigentlich um verständigung gehen müsste, weil wir am ende eben doch (zumindest noch eine weile) im selben boot sitzen.

es ist weniger funny, innerlich zusammenzuzucken, wenn man spürt, dass die eigene meinung wirklich immer weiter wegdriftet von der deiner doch eigentlich sehr liberal eingestellten eltern, für die deine ansichten zu gendergerechter sprache mittlerweile an radikalität grenzen, (m/w/d) in stellenausschreibungen „so verwirrend ist, also da war es vor 20 jahren einfacher“, und deine resignation gegenüber der schlechtigkeit der welt als arroganz missverstanden wird, um beim gemeinsamen essen so etwas wie harmonie zu wahren. dann ist es weniger funny.

und trotzdem, vielleicht mit ein bisschen weniger reddit häme, ein bisschen selbstreflexiver, ein bisschen einladender und zumindest ein bisschen funny: ok boomer.

 

p07t7l0s

 

 

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