27.06.2019: mangelhafte gegenwart

im gegenwärtigen diskurs über die zeit besteht konsens über das unaufhaltsame verschwinden der zukunft als erwartungs- und orientierungshorizont für menschliches handeln, sagt helga nowotny 1989. als ich den satz lese muss ich an die e-scooter denken die jetzt auch in deutschen großstädten angekommen sind, sie fahren rum überall, lautlos, auf ihnen immer irgendwie abwesend wirkende menschen. dazu hitzerekorde, klimawandel zum mitächzen, gehirne flüssig, oberkörper frei, leute tragen jetzt diese hässlichen kabellosen kopfhörer als wäre es das normalste der welt, niemand redet über frauen fußball wm.
es scheint wirklich so, als wären wir schon längst in der zukunft angekommen, die natürlich furchtbar ist, dystopie. die gegenwart lässt nur noch ganz kurz getaktete zeitstrategien bzw. zeitprogramme zu, die nicht mehr den anspruch haben, die mangelhafte gegenwart in eine bessere zukunft zu überführen, das sagt nowotny weiter. mit C. spreche ich darüber wo wir uns in fünf jahren sehen, wir liegen im freibad, es riecht naturgemäß nach pommes und chlor, kinder schreien mama, wir haben beide keine richtige antwort. alle würden ja gerade die dystopie herbei schreiben, alles sei apokalyptisch, er würde sich ein bisschen hoffnung wünschen, sagt jemand ein paar tage zuvor in bezug auf sibylle bergs GRM, es ist vor dem marie davidson konzert. außerdem habe sie bei black mirror abgeguckt. ich frage mich ob man dystopie abgucken kann? das konzert ist dann irgendwie dystopie und utopie gleichzeitig.

im freibad sind wir mit vielen tattoos konfrontiert, er sei froh, dass er sich vor ein paar jahren kein limp bizkit tattoo habe stechen lassen, sagt C., so auf den unterarm. die tage sehe ich eine omi auf einem der e-scooter, sie sah superhappy aus. es gibt doch immer noch irgendwie hoffnung.

die großen teleologischen geschichtsentwürfe des 19. jahrhunderts scheinen den kleinen utopien gewichen zu sein, so heißt es weiter im text. private sehnsucht statt weltverbesserung, abfinden mit der absurdität, einfach raus hier, denke ich, weg von den e-scootern, weg aus der stehenden stadthitze und weg von den überfüllten scheißseen, in ein tiny house ziehen in portugal, oder meinetwegen in ein auto; neoliberales, überpriviligiertes aussteigertum bestimmt gerade meinen youtube-algorithmus. auch mein gehirn ist megaflüssig, besseres leben als schrumpfform, ein wort wie 1 rosine.