11.06.2019: städtetrips

über städte schreiben ist einfach und gewinnbringend: große bis mittelgroße ballungsräume bieten die ideale projektionsfläche für die eigenen befindlichkeiten, man kann innerhalb ihrer beschreibungen, beweihräucherungen oder beschimpfungen sehr gut an tieferliegendem vorbeischreiben. nicht nur in der literatur passiert das daher häufig, allgemein gilt es als individueller ausdruck der ganz eigenen persönlichkeit in welcher stadt man lebt, in welcher man schon war, welche man liebt, welche man gar nicht mag, in welche man unbedingt mal will. der wahrscheinlich klassischste ausdruck spätkapitalistischer sinnsuche ist der städtetrip, ein wochenende „rauskommen“ und sehen, dass es woanders auch asphalt gibt und menschen und getümmel und autos, nur vielleicht anders angeordnet, die architektur, später erzählt man dann etwas von der atmosphäre der stadt, wenn man es sehr unangenehm formulieren möchte erwähnt man den vibe.

der vibe in zürich ist zurückhaltend, entspannt und reich. es gibt überall absurd klares, frisches wasser in form von flüssen, einem see, kleinen bächen oder trinkbrunnen. dazu ist auch die luft klar, was sinn macht, weil die hintergrundkulisse der szenerie aus den ausläufern der alpen besteht, man sieht die schneebedeckten bergwipfel aus der innenstadt heraus und atmet tief ein, dabei denkt man daran dass man jetzt ganz schnell reich werden sollte um hier her zu ziehen, in diese saubere gated community, verriegelt vor sozialen missständen. vor unschönem bewahrt also, desillusion ausgeschlossen, läuft man durch enge gassen der im besten sinne pittoresken, dorfähnlichen altstadt, auch an einem feiertag ist es hier nicht zu voll, alle lassen sich in ruhe. ruhe selbst an der limmat an einem strahlenden sommersamstag, der eintritt zum öffentlichen schwimmbad war frei, man kann sich ein buch aus dem buchschrank nehmen oder sich durch das eiskalte wasser treiben lassen und an garnichts denken, alle sind jung oder junggeblieben und wirken zufrieden. allerdings ein bisschen denken sollte man schon, das sagt einem die stadt auch, weil sie beschließt ihre existenz nicht in ignorantem reichtum, sie wirkt trotz ihrer privilegiertheit wach und politisch, man sieht neben pastellfarbenen polohemden und durch personal training geformten körpern auch leute, die lieb aussehen und die man abends wiedersieht auf linksalternativen festivals, an jeder ecke kleben plakate die zum frauenstreik aufrufen am 14.6.