07.02.2019

beim arzt nicht enttäuscht worden: in jedem wartezimmer gibt es diesen einen jörg.

jörg reiht sich nicht ein in die unaufgeregte bis friedliche atomsphäre des raums, in dem menschen eigentlich nur eins verbindet: es geht ihnen mittel bis sehr schlecht, man schnäuzt sich leise, röchelt vor sich hin, blättert in zeitschriften, in denen man sonst nie blättert, in der ecke gluckert ein wasserspender und in all dem ist man sich einig, dass man mit seiner direkten umwelt wenig bis gar nicht interagieren möchte. wie eine bahnfahrt, nur mit noch mehr bakterien. jeder leidet gemütlich für sich allein.

jörg nicht. jörg ist vermutlich mitte 40, jörg trägt einen windbreaker der marke jack wolfskin, den er affirmativ aufreißt, als er den raum betritt; ein stirnband, das man gleichzeitig als halstuch verwenden kann, eine wasserdichte hose, die unteren teile lassen sich abnehmen. jörg ist trotz schnupfen mit dem bike gekommen und jörg hat richtig bock auf soziale interaktion.

die nächste patientin, die den raum betritt, zuckt ein bisschen zusammen, als er sie mit einem fröhlichen, leicht quäkigen „gu-ten mor-geen!“ begrüßt. alle anderen schrecken hoch aus ihrer lethargie, gucken jörg an. jörg hat sich, die arme verschränkt, breitbeinig zurückgelehnt und begegnet den blicken, indem er kurz die augen zusammenkneift, so auf lieb. jörg, der einsame kämpfer gegen existentielle kälte, der verfechter der achtsamkeit in anonymer urbanität.

als ich kurz darauf aufgerufen werde, kann ich das soziale kammerspiel, das sich in diesem raum noch entfalten wird, nur erahnen, und bin darüber traurig und froh gleichzeitig. jörg, du nerviger sonnenschein.