Sondierungsgespräche mit sich selbst II

Als Ahorn die Tür aufschließt und den marmorgefliesten Flur betritt sieht er Franziska von dort aus schon im großzügigen Wohn-Essbereich stehen. Sie lehnt sich mit der Hüfte an die Kochinsel und zieht ihren Morgenmantel fester um den Körper als er den Raum betritt, sie sieht blass aus, noch blasser als sonst, feine, hellgraue Schatten unter den Augen. Es tut gut, sie zu sehen.

Ahorn gibt ihr einen Kuss zur Begrüßung, ihre Lippen sind hart und trocken wie immer, ein bisschen kälter als sonst vielleicht. „Ich habe Tee gemacht“, sagt sie, als er sich in einen der schwarzen Ledersessel im Wohnzimmer fallen lässt. „Gerne“, gibt er zurück. Als sie ihm die Tasse mit Kräutertee reicht, schaut sie ihm tief in die Augen und setzt sich mit ihrer gegenüber auf die schwarze Ledercouch.

Sie schweigen und nehmen beide ihren ersten Schluck, das Geräusch wird untermalt vom nächtlichen Surren des Kühlschranks, leise, unaufdringlich. „Und jetzt?“, fragt sie schließlich, sie ist sehr ausdauernd im Schweigen, eigentlich schweigen sie immer mehr als dass sie reden, aber jetzt gerade ist es kein abgeklärtes, sondern ein unangenehmes Schweigen. Ihr Mann, der ihr dort gegenüber an seinem Kräutertee nippt, hatte gerade immerhin die politische Zukunft Deutschlands auflaufen lassen, da konnte man mal drüber reden findet sie, und presst die dünnen Lippen aufeinander wie sie es immer tut, wenn sie auf eine Antwort wartet, sie hasst das, warten.

Ahorn öffnet langsam den ersten Knopf seines strahlend weißen Hemdes und lehnt den Kopf nach rechts, sieht in den bodentiefen Fenstern aber wieder nur die Spiegelung seiner selbst im gedimmten Stehlampenlicht, ein bisschen verzerrt, länglich hängend in diesem Sessel. „Lass uns morgen darüber reden“, murmelt er schließlich in das Kühlschranksummen, „ich bin müde“. Er steht auf und vermeidet es dabei Franziska anzusehen, ihre Lippen betrachten zu müssen, er sieht sie trotzdem vor sich, schmal und farblos aufeinander gepresst. Er schüttet den Rest des Tees in den Abfluss, stellt die Tasse dazu und denkt daran, dass er morgen joggen gehen will, kurz bevor er einschläft.

Franziska bleibt wach, die Lippen schmale Striche, irgendwann nickt sie auf dem Sofa ein und schreckt auf in der Nacht, das Muster der Ledercouch als Abdruck auf ihrer Wange, hart und kalt.