Sondierungsgespräche mit sich selbst I

Nach seinem kurzen Statement verschwindet Christoph Ahorn in die nasskalte Berliner Novembernacht. Er hält die Luft an, noch spürt er die Blicke der Journalisten und Fotografen im Nacken, er strafft die Schultern seines eh schon geraden Rückens wie zur Abwehr, er schwitzt stark, obwohl es so kalt ist. Sein Chauffeur wartet am schwarzen Mercedes, hält ihm die Tür auf. Ahorn gleitet auf den Ledersitz, endlich atmet er aus, es ist heiß hier drin, „bitte mach doch die Heizung aus“, sagt er, höflich, in fast beiläufigem Ton zum Chauffeur, der den Motor startet. „Nach Hause?“, fragt der.

Ahorn bejaht, schnallt sich an, zückt sein Handy, lässt es ohne einmal drauf zu schauen wieder in die Innentasche seines graumelierten Sakkos gleiten. Er sieht aus dem Fenster und sieht nichts außer seiner Spiegelung und dem Fenster und ganz langsam, wie die Regentropfen, die die Scheibe vom Fahrtwind getrieben überqueren, immer substanzloser werdend, genau so, sickern ein paar Gedanken in sein Bewusstsein, werden dünner, lösen sich auf, immer wieder kommen neue dazu, ihm gelingt es nicht, sie im Kopf zu sammeln, ihnen einen Sinn zu geben.

Ahorn streicht sich mit Daumen und Zeigefinger über die Augenbrauen, drei Mal, mit jedem Mal werden sie geordneter und weicher. Dann zückt er wieder sein Smartphone, wählt und wartet. „Franziska“, sagt er, als die Verbindung hergestellt ist, mehr nicht. „Ich warte zuhause auf Dich“, sagt sie, mehr nicht, Stille, dann legt er auf. Ahorn atmet tief ein, spürt kalten Schweiß unter seinen Achseln, denkt daran, dass er morgen endlich mal wieder joggen gehen sollte, das ist ein schöner klarer Gedanke, während der schwarze Mercedes lautlos durch die menschenleeren Straßen zieht, denkt er die nächsten Minuten nur ans Joggen. Als der Gedanke verbraucht ist, schaut Ahorn auf seine Armbanduhr, das macht er immer wenn irgendwas kompliziert wird, die Uhr ist immer da, seit er denken kann, schon zu Schulzeiten hatte sie ihn beruhigt, das silbermatte Glänzen , ihr geräuschloses Ticken, das schnörkellose Ziffernblatt. Sie zeigt 01:14 Uhr an, in einer Viertelstunde müssten sie da sein. Er denkt nochmal kurz ans Joggen, dann strafft Ahorn abermals die Schultern, lehnt den Hinterkopf an den Sitz, das Leder ist angenehm kühl, er faltet die Hände im Schoß und schließt die Augen, die sich plötzlich schwer anfühlen, so schwer.