eine süße parabel aus dem café

franziska zuckert nach. es ist so ca mai, später mai, sie sitzt mit ihrer freundin marie in einem süßen, kleinen café, also so nehmen es urbane leute zwischen ihren 20ern und 35ern wahr, die gerade vom flohmarkt kommen und ihre wohnungseinrichtung auch komplett vom flohmarkt kommt, die mögen solche cafés, weil sie eben auch vom flohmarkt kommen. der sommer liegt schon so in der luft und die beiden sitzen draußen. die wenigen alten omis die es in diesem viertel noch gibt gehen an solchen hippen, süßen, urbanen cafés vorbei mit ihrem hund und verstehen nicht warum da so eine lampe wie sie sie auch zuhause neben dem sofa stehen haben neben irgendwelchen europaletten steht, und überhaupt sieht alles für sie bisschen ranzig aus, sie sind sich nicht sicher dann ob das nicht vielleicht doch alles einfach sperrmüll ist und warum das denn nicht endlich abgeholt wird. franziska und marie fühlen sich aber wohl in diesem auf den bürgersteig gekippten sperrmüllhaufen, für sie ist es vintage und süß und es hat charme und sie lieben es sich in den leicht muffenden polstern alter ohrensessel zu rekeln und an den bestickten tischdeckchen auf dem tisch rumzufummeln während sie reden und sie zahlen gerne den aufpreis von 30 cent für die fair gehandelten kuhmilchalternativen im kaffee: hafer, soja, reis? franziska tut nachdem sie ihren kaffee (sie hat sich für hafer entschieden) umgerührt hat mit so einem kleinen verzierten löffelchen also wieder den deckel auf die süße zuckerdose aus porzellan, die sie an ihre kindheit erinnert, weil ihre oma hatte früher auch so ein gefäß und dann seufzt sie so leicht und marie guckt sie erst fragend an und dann fragt sie auch: „was denn los?“, mit leicht verkratzter stimme, schließlich ist es sonntag, die beiden kommen gerade vom flohmarkt und sind natürlich etwas verkatert, weil ja das wochenende hinter ihnen liegt. franziska seufzt nochmal und fummelt so ein bisschen am bestickten tischdeckchen rum und sagt dann auch mit bisschen belegter stimme: „die zuckerdose erinnert mich so an meine oma“, und guckt marie nicht in die augen dabei. franziska ist superdünnhäutig heute, wenig schlaf, der kater, hormonell an kritischem zykluszeitpunkt, aber normalerweise unterhalten sich die beiden auch nicht über sowas tiefergehendes, sondern eher über männer oder instagram oder klamotten oder vegane rezepte und dabei lachen sie in der regel viel oder sind ironisch oder betrunken. marie weiß jetzt auch gar nicht so richtig was sie dazu sagen soll, überlegt kurz und fragt dann etwas vorsichtiger: „lebt deine oma denn noch? oder…?“ und ist im selben moment etwas stolz auf sich und ihre den umständen (nüchtern, müde) entsprechend eigentlich doch ganz empathische frage. deswegen versteht sie auch nicht warum franziska sie jetzt plötzlich so mit ihrer sonst eher ausdruckslosen mimik sehr empört anguckt aus ihrem leicht aufgedunsenen gesicht und den kleinen augen. „nee, quatsch. die lebt noch.“ marie ist überfordert mit der situation, sagt „ok“ anstatt weiter zu fragen, und scrollt ein bisschen durch instagram. franziska nimmt ein schluck kaffee aus ihrer süßen filigranen tasse, der kaffee ist aber zu süß, eigentlich wollte sie ja auch auf zucker verzichten, weil zucker macht süchtig und krank, dann räuspert sie sich ein bisschen die emotionen weg und ist irgendwie angepisst auf alles und hätte gerne dass marie weiter fragt und sie ein bisschen reden könnten über sentimentalität im jungen alter und warum sie das manchmal so traurig macht, aber weil marie nur da sitzt und wischt und scrollt, scrollt franziska dann auch bisschen eingeschnappt durch ihr handy, macht schließlich ein bild von oben von dem tisch an dem sie sitzen, mit dem süßen kaffeegedeck, der zuckerdose und den angetrockneten blumen in der verzierten vase, legt noch einen filter („kindheit“) drüber und läd es bei instagram hoch, marie ist die erste die es liked, die beiden gucken sich an und müssen dann grinsen, danach reden sie wieder, marie fragt: „wie war die party gestern?“ und franziska erzählt ihr von der party.

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